Reisebericht Piemont August 2015

Zwischen Hochalpinromantik und Herzkammerflimmern – Zwei Handvoll Hanseaten auf dem Gran Paradiso

Männer in den besten Jahren – bekanntermaßen ein äußerst dehnbarer Begriff – suchen sich bisweilen sonderbare Freizeitaktivitäten zur Bestätigung ihrer immer noch vorhandenen Abenteuerlust und Fähigkeit diese auszuleben. Da wir weder besonderes Interesse am Trikefahren noch an der Großwildjagd haben, musste also eine andere Herausforderung her, und was liegt da näher als mal einen 4000er zu besteigen; die liegen im Piemont ja quasi vor der Haustür. Die Entscheidung für den Gran Paradiso viel schnell und pragmatisch: Familienfreundlich und anfängertauglich sollte es sein, da blieb nur der „Touristen 4000er“. So war es beschlossene Sache, dass wir zu neunt – alles hanseatische Flachlandabendteurer – zuerst die 4061 Meter des höchsten Berges Italiens bezwingen, bevor es zum Dolce Vita ins Piemont ans Casa al Tanaro geht.
Hinsichtlich Planung und Vorbereitung unserer Touren sind wir ja einiges gewohnt, aber dieser Trip hat sowohl was den organisatorischen als auch den finanziellen Aufwand angeht neue Maßstäbe gesetzt. Was alleine so ein Paar Bergsteigerschuhe kostet! Ganz zu schweigen von der Merino-Unterwäsche… Zudem benötigt der Bergsteigerlaie unzählige weitere Ausrüstungsgegenstände um ja warm und heil hoch und auch wieder runter zu kommen – trotz anfänglicher Skepsis haben sich die meisten jedoch als recht nützlich erwiesen, auch wenn diese „Cliff-Hanger-Hacken“ zunächst etwas überambitioniert wirkten.

Akklimatisation im Aostatal

Als es endlich so weit war und wir uns am letzten Juliwochenende in Valsavarenche im Aostatal versammelten, stand ein dezidierter Reiseplan inklusive gebuchter Freizeitaktivitäten und reservierter Dinnerveranstaltungen. Das Aostatal, oder Valle d’Aosta wie die Italiener sagen, ist das kleinste der italienischen Bundesländer und liegt ganz im Nordwesten an den Grenzen zur Schweiz und Frankreich. Außer dem Gran Paradiso (4061m) liegen der Mont Blanc (4810m) und der Monte Rosa (4634m) auf den Grenzen des Aostatals. Es besteht also ausreichend Potenzial für zukünftige Herausforderungen.

Programmpunkt Nr. 1 nach der Ankunft im Örtchen Valsavarenche, am Fuße des Gran Paradiso: Akklimatisation, Rehydratation und ein erstes Zusammentreffen mit der lokalen Bevölkerung – also erstmal ab in die einzige Bar des Dorfes. Die Freude der Aostini über die durstigen Reisenden aus dem hohen Norden war groß, hatten sie anscheinend eine prallgefüllte Reisebörse dabei, die sie gedachten in der lokalen Gastronomie zu investieren. Um dieses Vorhaben nach Kräften zu unterstützen, wurde allerlei Hochprozentiges aus eigener Herstellung spendiert. So gab es Kräutergrappa aus der Magnumpulle, Grappa mit Gran Paradiso Himbeeren und ein warmes Getränk, welches in einer hölzernen Kanne mit mehreren Auslässen aus der abwechselnd getrunken wurde und mit Sicherheit auch hauptsächlich Grappa enthielt. Der Einstand war geglückt und die allerletzten Zweifel an unserer Fähigkeit einen 4000er zu bezwingen wurden mit einem Negroni Aperitivo beseitigt.

Jetzt wird’s ernst – Aufstieg zum Refugio Chabod

Am nächsten Tag wurde es ernst. Mit der ortsüblichen Verspätung rumpelte am frühen Nachmittag der VW-Bus von verticalp.it auf den Parkplatz unserer Unterkunft. Dem Bully entsprang unser Bergführer Piercarlo Coda, ein gazellenartiges, kettenrauchendes Wesen mit tiefbrauner Haut, die von vielen Jahren solarer Extrembelastung zeugte. Zudem verfügte Piercarlo über spindeldürre Extremitäten, die permanent in Bewegung waren und wie gemacht dafür schienen das Hochgebirge mit Siebenmeilenschritten zu durcheilen. Seine herzliche Begrüßung „Hello Children Boys!“ ließ weder Zweifel an der für die nächsten 24 Stunden geltenden Hierarchie, noch an seiner Einschätzung unserer Bergsteigerfähigkeiten aufkommen. Der folgende etwas chaotische Equipment Check, bei dem auch Gewicht und Zusammenstellung unseres Gepäcks der kritischen Einschätzung Piercarlos unterzogen wurden, verlief vor allem für unseren erfahrensten Bergsteiger Urs und unseren Nordmann Martin nicht optimal. So führe die um sich greifende Furcht sich am Berg mit zu viel Last abmühen zu müssen dazu, dass die Jungs zwar mit reichlich Dosenbier ausgestattet waren, Winterjacke und Merinounterwäsche ob des Gewichts jedoch lieber im Tal gelassen wurden. Mit seiner ersten Einschätzung lag Piercarlo wohl nicht vollkommen daneben – Children Boys halt. Nachdem Steigeisen, Gurtgeschirr, Stirnlampen etc. zugeteilt und verstaut waren hielten wir nach kurzer Autofahrt am Parkplatz des Einstieges zum Wanderweg der uns zum Rifugio Chabod, unserem Base Camp, führen würde. Dort trafen wir den zwölfjährigen Carlo aus Sachsen mit seinen Eltern und vier ragazzi italiani, die sich uns anschlossen. Angeführt vom gut gelaunt vor sich hin rauchenden Piercarlo begaben wir uns auf die erste Etappe, die von ca. 1540m hoch zum Base Camp auf 2750m führte.
Der Weg war für norddeutsche Verhältnisse ausreichend steil, führte hauptsächlich bewaldete Hänge hinauf, deren Bäume zum Glück angenehmen Schatten spendeten. Mit der Zeit wurde das Rauschen des Flusses im Tal immer leiser, der Baumbewuchs spärlicher, die Luft dünner und unsere T-Shirts nasser. Nach ca. dreistündigem Marsch erreichten wir das Rifugio, und waren sowohl aufgrund der ungewohnten Betätigung in dünner Luft als auch ob des Druckunterschiedes fürs Erste bedient. Unserer freudig feuchten Erwartung, im Rifugio einen zünftigen Hüttenzauber mit spitzenerotisch bedirndelten Brünetten und dampfendem Jagertee vorzufinden, wich leider allzu schnell der ernüchternden Erkenntnis, dass das sportlich ernste Treiben auf der Hütte durchaus seine Berechtigung hat. In zwei Schichten wurde zeitig und zügig zu Abend gegessen und direkt im Anschluss zur Nachtruhe geläutet. Die schnarchgeräuschdurchflutete Unruhe im zwanzig Personen Schlafsaal nutzte Jens geschickt, den aus physischer Überanstrengung in Ohnmacht liegenden Andre seiner neuen Bergschuhe zu entledigen. Der Verbleib Andre‘s Bettdecke ist jedoch weiterhin ein Mysterium. Glücklicherweise ist der Schlafsaal nur für eine Nacht unsere Herberge gewesen. Früh am Morgen sollte uns die Berechtigung des strengen Regimes des Vorabends schmerzlich deutlich bewusst werden.

Gipfelsturm Gran Paradiso – Besuch bei der weißen Madonna

Spätestens als um 03:30 Uhr der Wecker im Schlafsaal klingelte und wir in Wanderstiefel und Alpinhosen stiegen, versuche sich sehr offensichtlich der ein oder andere Teilnehmer unserer Truppe krampfhaft an den Grund seiner damaligen Einwilligung zur Teilnahme an diesem Unterfangen zu erinnern. Müßig sich in diesem Moment darüber Gedanken zu machen und als eine Stunde später, an den Ausläufern des Gran Paradiso Gletschers, das Sicherungsseil in die Karabinerhaken klickte gab es eh kein Zurück mehr. Der weitere Aufstieg dürfte für die meisten Beteiligten die bisher größte physische Herausforderung ihres Daseins gewesen sein. Fünf Stunden ging es in kleinen, kraftsparenden Schritten bergan, geführt von Piercarlo, der sich auch bei den fragilsten Schneebrücken sonderbar sicher über deren Trittsicherheit war. Die Bergwelt, so unwirklich schön sie ist, so ungeeignet ist sie für den menschlichen Aufenthalt. Während es unten im Tal windstille 30 Grad waren – die Sung Koo und Mario, unsere im Tal gebliebene Rescue Force, bestens zu nutzen wusste – toste und stürmte es oben auf dem Berg, Schneeböen peitschen uns ins Gesicht und insgeheim wünschten wir uns alle unseren Urlaub doch auf konventionelle Art, auf einer Sonnenliege am Pool mit Drink und Cocktailkirsche verbracht zu haben.
Der Gipfel sollte alle Zweifel und Gedanken ans Aufgeben vergessen machen. Es war das volle Programm: Ein unvergessliches Gefühl des Erfolges und der Erleichterung, zitternde Knie, Freudentränen, Umarmungen, Fotos mit der weißen Madonna, der Gipfelfigur des Gran Paradiso. Es war geschafft, unser erster 4000er!

Das überschwängliche Glücksgefühl wich relativ bald der Erkenntnis, dass auf den Aufstieg ein Abstieg folgt, für den es keine Abkürzung gab. Also den letzten zäh-gefrorenen Energy-Riegel in die Backen geschoben und abwärts ging es. Weit weniger anstrengend als der Aufstieg aber aufgrund zahlreicher Gletscherspalten und Schneebrücken nicht minder spannend gestaltete sich der Weg zurück zum Refugio Chabot. Dort wurde eine kurze Pause mit einem Teller Pasta eingelegt, nach der es dann auf die letzte Etappe zurück in Tal ging. Überglücklich endlich die schmerzenden Zehen aus den Schuhen befreien zu können, ließen wir bei kühlem Bier und einem den Gran Paradiso-Bezwingern vorbehaltenen, hausgemachten Grappa die Erlebnisse der letzten zwei Tage Revue passieren und feierten wir uns selbst. Für uns alle ein großartiges und inspirierendes Erlebnis, auf welches mit Sicherheit eine Fortsetzung folgen wird.
Für den Moment waren wir aber alle einfach nur froh die eisige Bergwelt hinter uns gelassen zu haben.

Etappe 2 – Dolce Vita am Casa al Tanaro

Ausgangspunkt der zweiten Etappe unserer Reise sollte das Casa al Tanaro sein. Ab jetzt sollte die Erholung und das Dolce Vita im Vordergrund stehen – die Umsetzung dieses Vorhabens wurde augenblicklich und tatkräftig angegangen. Wir feuerten den Grill an, platzierten die große Tafel im Schatten des Walnussbaumes und ließen den Eisschrank auf Hochtouren laufen. Rinderfilet, Franciacorta und ein erfrischendes Bad im Pool ließen uns schnell die Entbehrungen der letzten Tage vergessen. Bei herrlichem Sonnenschein spielten wir Boccia und Federball im Garten und versuchten uns am Sportbogen, bis alle Pfeile im Gebüsch verschwunden waren. Zum Abschluss dieses genussvollen Tages fanden wir uns zum Aperitivo auf der Terrasse des Le Piemontesine ein und ließen uns im Anschluss von Chefkoch Jerome und Hausherrin Charlotte aufs neue zeigen, wer in der Alta Langha die Kulinarikkrone auf hat.

Badespass für große Jungs – Canyoning in Valle Roya

Tags drauf sollte es nochmal sportlich werden. Wir waren mit dem Team von Blu Mountain zum Canyoning im Valle Roya verabredet, welches wir über das Valle Tanaro und den Tender Pass erreichten. Einer kurzen Wanderung zum Einstieg folgte ein zweistündiger Vergnügungstrip den La Roya hinunter. Behelmt und in Neoprenanzügen verpackt, sprangen, rutschten und schwommen wir dem Fluss folgend und vergnügten uns dabei wie kleine Kinder. Eine sehr empfehlenswerte Freizeitaktivität, deren Schwierigkeitsgrad sich ganz den individuellen Anforderungen an Spaß und Adrenalin anpassen lässt. Für den Rückweg ins Piemont wählten wir die Route über Ligurien, die wir für einen Zwischenstopp im Beachclub Albatross in Varigotti nutzen. Der Tag fand ein würdiges beim Salvetti in Paroldo – einfach immer wieder piemontesischer Hochgenuss.

Den letzten Tag der Reise nutzte die Hamburger Fraktion für einen weiteren Ausflug ans Meer und Andre und Carlo kümmerten sich um die Interieursplanung für die neue Wohnung, die im zweiten Hausteil des Casa entstanden ist. Abends sind wir für einen letzten Negroni in Cuneo gewesen und waren begeistert von der Feiertagsstimmung, die am Donnerstagabend auf den Straßen und in den Cafés herrschte. Auf Nachfrage erklärte man, dass der Sommer gefeiert werden würde. Was für ein wunderschöner Anlass!