Reisebericht Piemont – Dezember 2012

Winter im Piemont – steile Pisten, heiße Schokolade und ein neuer Freundeskreis

Am zweiten Weihnachtstag machten wir (Andre und Carlo) uns auf ins Piemont um das Casa al Tanaro auf die kommende Saison vorzubereiten. Zudem konnten wir so der norddeutschen Tristesse entgehen und endlich wieder das süße Leben im Südpiemont genießen. Wohl vorläufig das letzte Mal von Hannover aus wurde Mailand angeflogen, ab dem Frühjahr bietet Air Germania eine Verbindung zwischen Bremen und Nizza; für uns eine reisetechnisch sehr attraktive Alternative.

Eine Überraschung meteorologischer Art erlebten wir schon beim Verlassen des Terminals in Malpensa; die Temperatur lag knapp über dem Gefrierpunkt! Hatte der Wetterbericht nicht 15° angezeigt? Da wir aber auch noch skifahren wollten, passte das perfekt.
Kurz vor unserer Ankunft am Casa durften wir zu unserer Überraschung feststellen, dass es sogar an Weihnachten möglich ist bis spät abends in Mondovicino, dem grössten Centro Commerciale im Piemont, einzukaufen. Somit war Abendbrot und Frühstück gesichert. Die Temperatur im Haus war auf Frostschutzniveau eingestellt und der Rotwein viel zu kalt, aber wofür hat man einen Backofen?
Zu unserer Freude waren unsere lokalen Verbündeten während unserer Abwesenheit nicht untätig; Claudio, der Landwirt von nebenan hatte mit beherztem Maschineneinsatz den Grundstein für eine 2000 m² große Rasenfläche gelegt. Somit war für uns allmorgendlich auch erst mal Feldarbeit angesagt, genauer gesagt haben wir die Findlinge aus dem gefrorenen Ackerboden „herausoperiert“. Wir freuen uns in jedem Fall schon auf den weiteren Fortschritt an den Außenanlagen, welche im Frühjahr durch die Pflanzung von etlichen Obst- und Zierbäumen erfolgen werden.

Nach getaner Arbeit folgt ja bekanntlich das Vergnügen und so ging es in Skiklamotten rauf in die Berge nach Artesina, was in ca. 30 Minuten vom Haus zu erreichen ist. Der erste Lift beginnt bei 1.300 m und führt bis auf 2100 m. Auf den Pisten herrschten fast optimale Schneebedingungen, der Andrang an den Liften hielt sich dennoch in Grenzen und der Blick von den Gipfeln hinab in die Po-Ebene gehört wohl zu den beeindruckensten in ganz Europa, kann man doch von der Mittelmeerküste bei guten Bedigungen bis zum Matterhorn sehen. Zwar darf man weder in Artesina, Prato Nevoso noch in Frabosa, dem größten Skigebiet des Südpiemonts, Aprés Ski Partys á la Zillertal erwarten, in den zahlreichen Hütten am Berg herrscht dennoch reges Treiben und neben der strahlenden Sonne sorgten auch das gute Essen sowie die günstigen Preise und guter Vino für super Stimmung. Nach dem Skifahren ging es nach Cuneo, einige Cuneesi (leckere Pralinen) für die Heimat einkaufen und in ein kleines Restaurant mit lediglich 4 Tischen. Der Kellner war gleichzeitig der Koch (Luca), deshalb wurde die Speisefolge erstmal ausgiebig durchdiskutiert – mit hervorragendem Ergebnis!
Freitag begleitete uns Corrado, ein Freund aus Mondovi, ins Skigebiet und lud uns für den Abend zu seiner Familie nachhause ein. Endlich gab es wieder etwas zu essen!

Am Samstag stand nach den üblichen kosmetischen Eingriffen am Haus die weitere Erkundung der Umgebung auf dem Programm. Nach einem Cappuccino auf der Piazza von Mondovi ging es nach Fossano zum Castello dei Principi d’Acaja, einer Burg aus dem 14. Jahrhundert die Philipp von Savoyen als Behausung diente. Insgesamt sehr sehenswert, insbesondere der Blick von der Burg auf die dahinter liegenden Seealpen. Leider lässt das gastronomische Angebot der Stadt etwas zu wünschen übrig, weshalb wir nach kurzem Aufenthalt ins Zentrum der piemonteser Schneckenzucht und – küche aufbrachen. Cherasco ist ein niedliches kleines Städtchen an der Grenze zwischen Langhe und Roero. Unter den für die Region typischen Arkadengängen im Zentrum befinden sich viele Feinkostgeschäfte, Weinhandlungen und natürlich jede Menge Restaurants und Trattorien deren Beschilderungen keinen Zweifel daran lassen worum sich hier fast alles dreht – Helix pomatia, die Weinbergschnecke. Da es fürs dinieren aber noch zu früh war setzten wir den Weg fort in das nur zehn Minuten entfernte La Morra, einer der Hauptorte der Barolo Region. Von der kleinen Piazza aus hatten wir einen fantastischen Blick in die mittlerweile schon in der Dämmerung liegenden Langhe Hügel. Nach etwas Robiola di Roccaverano (Käse) und einem Carpaccio vom weißen piemonteser Rind in einer kleinen Trattoria traten wir die Rückfahrt nach Castellino an, am Abend stand schließlich der nächste (!) kulinarischer Höhepunkt auf dem Programm; das obligatorische Abschiedsessen, welches dieses Mal in Andres Lieblingstrattoria (Marsupino) stattfand. Es gab mit Kapaun gefüllte Ravioli mit Burro di Nocciola und Bollito Misto („Spezielles von der Kuh“), dazu ein Fläschen Chiara Boschis, Barolo (Lage Cannubi). Was für ein Fest!
Am folgenden Abreisetag machten wir uns schon früh auf den Weg, um auf halber Strecke zurück nach Mailand noch einen Kaffee in Turin zu trinken. Nach ein paar so tollen Tagen bot das historische Ambiente von Baratti e Milano hierfür genau den richtigen Rahmen, hatten hier doch schon die Savoyer Könige ihren Bicherin (Schokli, Kaffee, Sahne usw.) zu sich genommen.
Auf der nächsten Wintertour sind die Skier auf jeden Fall wieder im Gepäck und es wird mehr Zeit auf der Piste eingeplant! Das Piemont im Dezember – wunderschön und überraschend kalt.