Reisebericht Piemont – Oktober 2014

So wie es im März einen Frühjahrsputz zum Saisonstart gibt, so werden im Oktober das Haus und der Garten für den Winter vorbereitet, einige Pflege- und Instandhaltungsarbeiten durchgeführt und nebenbei die herbstliche Landschaft und Kulinarik des Südpiemonts genossen. Durch eine komfortable Bremen – Frankfurt – Turin Verbindung kamen wir – Andre und Carlo – in den Genuss einer frühen Anreise an einem Samstag, Mitte Oktober. Der Tag konnte also noch voll genutzt werden und so ergossen sich bei herrlichen 15 Grad und Sonnenschein einige Liter Pflegeöl über Terrasse und Wohnzimmerparkett. Das Resultat war so beeindruckend, dass wir uns veranlasst fühlten, die zurückgewonnene Strahlkraft des Holzes mit einem Barolo von Borgogno zu feiern und somit am ersten Tag schon einen wichtigen Punkt auf unserer Lista da fare abhaken konnten.


Nachdem am Folgetag der Pool gereinigt und winterfest gemacht wurde, haben wir uns auf eine Flusswanderung im Tanaro entlang des Geländes begeben. Zu dieser Jahreszeit ist die Strömung nicht zu stark und der Fluss an den meisten Stellen nicht tiefer als einen halben Meter. Perfekt also für ein privates Bade-Canyoning Abenteuer. Mittags stand weiterhin körperliche Ertüchtigung auf dem Programm: Ausgehend von Igliano (knappe 10min. von Haus entfernt) folgten wir der blauen Wanderroute durch die Deserta Langarum. Diese Gegend der Alta Langha ist nicht sonderlich spektakulär aber herrlich grün und ziemlich einsam. Der Sentiero Storia, wie die blaue Route genannt wird, liegt auf einer Höhe zwischen 520 und 710 Metern und wurde von uns in zwei Stunden passiert – eine machbare Herausforderung also.


Nichtsdestotrotz meldeten sich, als sich der Tag dem Ende neigte, unsere Belohnungssynapsen und verlangten nach Kompensation für das Tagewerk. Eine erste Maßnahme bestand in der Bestellung zweier Negroni (drei Sorten Schnaps auf Eis in erheblicher Quantitä) bei Roxana, der charmanten Eignerin des Bar Bono im Zentrum Cevas. Zum Abendessen stand ein Restaurantcheck auf dem Programm. Wir fuhren zurück nach Igliano und unterzogen das Angebot des Restaurants Le Piemontesine unserem kritischen Blick und nachfolgender Bestellung. Aufgetischt wurde Kalbsfilet, Foie gras, Alba Trüffel in einem Schaum dessen Ursprung dem Autor gerade entfallen ist, etliche weitere Leckereien und ein ziemlich guter Barbaresco. Fazit: Bestanden! Die Küche kombiniert typische Gerichte der Langhe mit französischen Raffinessen zu Köstlichkeiten die schlichtweg beeindrucken und Spaß machen. Das Weinangebot ist ausbaufähig; ein Manko, dem in dieser Gegend ja relativ leicht beizukommen ist.
Montagvormittag widmeten wir uns der Gartenarbeit, pflanzten einige weitere Obstbäumchen und bereiteten die zweite Haushälfte für die im Winter anstehenden Ausbauarbeiten vor. Nachmittags machten wir einen Ausflug ins Valle Gesso im Parco Naturale delle Alpi Marittime. Die Bilder sprechen für sich – hier sind wir definitiv nicht das letzte Mal gewesen!


Auf dem Rückweg haben wir in Cuneo noch zum Aperitivo im Caffè Bruno – hier gibt es mit ziemlicher Sicherheit die besten Negroni Norditaliens – und zum Amaretti- und Cuneesi-Kauf an der Piazza Halt gemacht. Letzteres wäre in Norddeutschland eine Transaktion mit einer geschätzten Dauer von 3,5 Minuten gewesen, bei dem maximal zwei knappe Sätze ausgetauscht werden und es bei großer Sympathie zum Abschied noch ein anerkennendes Kopfnicken gibt. Nicht so in Italien! Nach einer Dreiviertelstunde, Espressi, Grappe und Schokoladenverköstigung kannten wir nicht nur die gesamte Belegschaft beim Namen, sondern konnten auch deren Familienbande der letzten drei Generationen bis nach Sizilien nachvollziehen.
Dienstag stand Projektentwicklung auf dem Programm. Mit unserem schwäbischen Bauleiter Jens, Hausherr der Cascina Cerea in Rocca Ciglie, sind wir den Bauplan für Hausteil Nummer zwei durchgegangen. Ab März 2015 wollen wir mit der Einrichtung der zweiten Wohnung beginnen. Für unsere italienischen Handwerkerfreunde gibt es den Winter über also Einiges zu tun!
Mittags hatten wir uns zur Weinprobe bei den Pecchenino Brüdern in Dogliani angemeldet. Da wir uns im Herzen den Dolcetto Gebietes befanden, konnten wir eine gewisse Skepsis nicht verleugnen. Einer der Projektbeteiligten soll in Bezug auf Dolcetto schon öfter mit dem Schmähwort „Aceto delle Langhe“ auffällig geworden sein. Dies hatte sich mit dem Besuch auf den pico bello gepflegten Anwesen der Peccheninos erledigt. Nach einer Reihe ausgezeichneter Weine, verkostet in der üblichen Reihenfolge Dolcetto – Nebbiolo – Barolo, servierte uns Attilio Pecchenino eine homöopathische Dosis eines Dolcetto Reserva. Wir waren schwer beeindruckt! Dass ein Dolcetto, nach der Verköstigung eines Barolos, derartig überzeugen kann hat uns die anscheinend notwendige Demut vor diesem Wein gelehrt. Leider war Attilio von seinem Reserva selber derart überzeugt, dass er nicht Willens gewesen ist auch nur noch ein Fläschchen davon abzugeben.
Am darauf folgenden Tag fuhren wir nach Savigliano – eine lebhafte Kleinstadt mit unerwartet viel Flair. Die römischen Stadttore und die weitläufige Piazza haben uns so sehr gefallen, dass wir im März 2015 gleich nochmal wieder hinfahren werden.

Auf dem Rückweg fuhren wir in Murazzano vorbei, und da Franco von Da Lele anscheinend auf der Couch lag, versuchten wir es im La Capannina. Platziert neben einem Gasofen aus Großmutters Zeiten bewunderten wir bei muscheligen 35° das kuriose Ambiente. Wer zur Hölle kommt auf die Idee auf 750 Höhenmetern den Blick auf die Langhe mit Lappen zu verhängen, die man nicht hätte zum Feudeln mehr benutzen wollen? Schwamm drüber! Das Essen, unter anderem Schwertfischfilet, war – wenn auch nicht ausufernd kunstvoll serviert – ausgezeichnet!
Als krönenden Wochenabschluss machten wir noch einen Ausflug nach Ligurien. Wäre ja zu schade, eine Woche in Italien zu verbringen ohne das Meer gesehen zu haben! Wir fuhren durch das Valle Tanaro über Bagnasco, Garessio und den Colle San Bernardo nach Albenga. Nach etlichen Kurven Richtung Meer, fuhren wir durch eine Landschaft von blühender Bougainvillea und Palmen. Das Da Lisetta, eine anscheinend insbesondere bei deutschen Motoradfahrern beliebte Trattoria, bot eine mehr oder weniger willkommende Abwechslung zur piemontesisch kulinarischen Hochkultur.


Freitag hatten wir uns noch einen Besuch auf der Fiera Internazionale del Tartufo Bianco d’Alba geplant. Leider blieb uns dieses Highlight aufgrund der Öffnungszeiten (nur samstags und sonntags) verwehrt. In Alba angekommen: Jedes Lokal bietet bei ausreichend Weinkonsum Antipasti bis Pasta umsonst an (jeder kann sich nehmen was er will). Während unseres Besuches war zudem noch Stadtfest,die Einheimischen waren historisch gekleidet und die örtlichen Winzer schenkten den Barolo ebenfalls gratis aus.

Es war wie immer eine klasse Tour mit vielen neuen Impressionen und Impulsen für Zukünftiges.

Für unsere privaten Notizen sei vermerkt:
• Vorsicht beim Griff ins Kosmetikregal – Stichwort Crema Soft Desaster
• Grazie mille Roxana! Dio vi benedica!

Pass auf dich auf Casa al Tanaro, wir sehen uns im März 2015!